Rachel Thull, eine der beiden Koordinatorinnen des Fluthilfe-Teams des Caritasverbandes Trier, beschreibt die Situation so: "Von außen betrachtet sind die Folgen der Flut an Kyll und Sauer kaum noch sichtbar, aber in den Häusern, Wohnungen und in den Herzen der Menschen sind sie weiterhin deutlich spürbar, wenn nicht allgegenwärtig."
Hilfsmaßnahmen müssten daher über die reine Katastrophenhilfe hinausgehen, und vielmehr auf eine langfristige Unterstützung der Betroffenen ausgelegt sein. "Den Menschen ist es wichtig, auch ein Jahr nach der Flut mit ihren Sorgen und Ängsten nicht alleine gelassen zu werden", so Thull.
Neben dieser Langfristigkeit der Hilfen helfe den Menschen zudem ein direkter und niedrigschwelliger Kontakt. Caritasdirektor Bernd Kettern formuliert es so: "Es geht darum, die Menschen aktiv aufzusuchen und unsere Hilfe anzubieten." Zu diesem Zweck haben die Mitarbeiter*innen in den betroffenen Orten unter anderem Flyer verteilt und Plakate aufgehängt. Sie besuchen die Menschen zu Hause - einmal, meist mehrmals -, um sie zu unterstützen und ihnen weiterzuhelfen. "Die aufsuchende Einzelfallarbeit," so Thull, "ermöglicht es uns, die unterschiedlichen sozialen Rahmenbedingungen und individuellen Bedarfe der Menschen vor Ort zu berücksichtigen."
Von besonderer Bedeutung ist es dabei auch, einfach zuzuhören. "Die Menschen haben viel zu erzählen", berichtet Anais Useldinger, die zweite der beiden Koordinatorinnen des Fluthilfe-Teams. "Über die Katastrophennacht, über den Stand der Aufräum- und Aufbauarbeiten, die Schwierigkeiten und Probleme, die es dabei gibt, und auch darüber, welche Spuren das Ganze bei ihnen selbst hinterlassen hat."
Schleppender Wiederaufbau
Unmittelbar nach der Katastrophe war zu beobachten, dass viele Menschen einfach nur funktionierten: Der Unrat musste beseitigt, das Lebensnotwendige besorgt, Häuser möglichst trockengelegt werden. Als es dann darum ging, finanzielle Hilfen zu beantragen, waren viele mit den komplizierten Verfahren überfordert. "Hier war und ist das Fluthilfe-Team als Berater und Unterstützer gefragt", so Useldinger.
Viele Betroffene warten immer noch auf die Bewilligung von Versicherungsleistungen und insbesondere von staatlichen Gelder über die Investitions- und Strukturbank. Da finanzielle Hilfen der Wohlfahrtsverbände ausschließlich nachrangig ausgezahlt werden dürfen, verzögert sich das gesamte Prozedere für die Betroffenen. Hinzu kommt ein Mangel an verfügbaren Handwerkern und die Tatsache, dass das Schadensausmaß zunächst gar nicht klar ersichtlich war und daher häufig zu niedrig eingeschätzt wurde.
"Dementsprechend zahlen wir bis heute Haushalts- und Härtefallbeihilfen aus", so Thull. "Seit dem Sommer sind nun aber auch die Wiederaufbauhilfen in den Fokus gerückt."
Räume der Begegnung
"Für viele Menschen ist dieser schleppende Prozess nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine psychosoziale Belastung", so Useldinger. "Der langwierige Wiederaufbau zehrt an den Nerven und nebenbei müssen noch die Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens bewältigt werden." Die Menschen haben schwere Verluste hinnehmen müssen, an persönlichen Besitztümern aber auch an der vorhandenen sozialen Infrastruktur.
Auf diese überwältigenden Belastungen und Gefühle reagierten nicht wenige - verstärkt noch durch die Pandemie - mit Rückzug und Isolation. Seit dem Frühjahr ergänzt daher eine Psychologin das Hilfeangebot des Caritas-Fluthilfe-Teams. Sind Kinder betroffen, bietet zudem das Sozialpädiatrisches Zentrum ein psychologisches Beratungs- und Diagnostikangebot sowie pädagogische Gesprächs- und Kreativangebote.
Letztere finden in der Begegnungsstätte in Ehrang statt, die zusammen mit der Stadtverwaltung, dem Arbeiter- und Samariterbund und den Kirchen betrieben wird. Hier ist auch in einer weiteren Funktion das Caritas-Fluthilfe-Team vertreten: Sozialräumliche Projekte sollen Räume der Begegnung schaffen und die verloren gegangene soziale Infrastruktur reaktivieren. Das gilt natürlich auch für die übrigen betroffenen Gebiete - vom Basteltreffen in Kordel, über einen Kaffeenachmittag in Langsur bis zur Fahrradwerkstatt in Ehrang.
"In den letzten Monaten wurde immer deutlicher, dass sich viele Menschen solche Orte der Begegnung wünschen", so Thull. "Durch diese Begegnungen erleben sie wieder ein Stück Normalität und auch Unbeschwertheit im Alltag."
Hintergrundinfo:
Finanzierung: Jede Spende hilft
Bereits unmittelbar nach der Katastrophe gingen die ersten Geldspenden aus der Bevölkerung auf dem Spendenkonto der Caritas-Stiftung "Zeichen der Hoffnung" ein. "Die Spendenbereitschaft war enorm", so der ehrenamtliche Stiftungsbeauftragte Hans-Dieter Meisberger. "Bis heute sind fast 400.000 Euro zusammengekommen."
Hinzu kommen Spendengelder aus eigenen Sammlungen, Bürgerspenden des Landes und aus einer Spendenaktion des Caritasverbandes Wiesbaden.
Ergänzt wird die Finanzierung durch Gelder, die Caritas international und der Diözesancaritasverband Trier zur Verfügung stellen.
Neben den direkten finanziellen Hilfen (Sofort-, Haushalts-, Härtefall- und Wiederaufbauhilfen) werden so die Beratungs- und Unterstützungsangebote des Fluthilfe-Teams sowie die sozialräumlichen Projekte finanziert.