"Die Caritas war da – und sie blieb"
Die Flutkatastrophe vom 15. Juli 2021 hat Ehrang tief geprägt. Häuser wurden zerstört, Erinnerungen gingen verloren und viele Menschen standen plötzlich vor dem Nichts. Reinhold Neisius, langjähriger Kirchenmusiker und in Ehrang fest verwurzelt, hat die Ereignisse hautnah erlebt. Im Gespräch erinnert er sich an die ersten Tage nach der Flut, an die große Hilfsbereitschaft - und an die besondere Rolle des Caritasverbandes Trier.
Vor der „Flotten Elli“: Reinhold Neisius (links) sowie Katharina Schettle und Volker Adrian von der Fluthilfe Trier. Das Fahrzeug ist als mobile Fahrradwerkstatt und Begegnungsort im Einsatz und bringt Menschen zusammen.
Herr Neisius, erinnern Sie sich noch an die ersten Stunden der Flut?
Ja, sehr genau. Innerhalb von etwa 20 Minuten war unser Haus voll Wasser. Alles, was man sich über Jahrzehnte aufgebaut hatte, war plötzlich kaputt oder weg. Wir konnten zunächst nur weg und bei unserer Tochter unterkommen. Als wir am nächsten Tag zurückkamen und das ganze Ausmaß gesehen haben, war das einfach schrecklich.
Wie haben Sie die ersten Tage danach erlebt?
Was mich bis heute bewegt, ist die unglaubliche Hilfsbereitschaft. Feuerwehrleute aus ganz Deutschland kamen nach Ehrang. Bei uns in der Gotenstraße war die Feuerwehr aus Mannheim-Feudenheim im Einsatz. Die Menschen haben nicht nur geholfen aufzuräumen - sie haben auch Mut gemacht und Hoffnung gegeben.
Dann kamen Verwandte, Bekannte und völlig fremde Menschen. Organisationen wie THW, AWO, Malteser, DRK, Diakonie und die Caritas waren da. Trotz Corona rückten die Menschen eng zusammen. Niemand fragte nach Herkunft oder Religion - alle wollten helfen.
Welche Rolle spielte die Caritas für Sie und die Menschen in Ehrang?
Die Caritas habe ich nach der Flut ganz neu wahrgenommen. Viele Organisationen halfen sofort - aber die Caritas blieb dauerhaft präsent. Das war etwas Besonderes.
Zuerst gab es Treffpunkte im Feuerwehrhaus oder in Gemeinderäumen. Später wurde das große beheizte Zelt auf dem Kirchengelände zum Mittelpunkt der Hilfe. Dort wurden Menschen beraten, Anträge erklärt und ganz praktische Unterstützung organisiert.
Aber das Zelt war viel mehr als eine Anlaufstelle. Dort kam das Leben langsam wieder zurück.
Was meinen Sie damit?
Es fanden dort Seniorennachmittage, Erzählcafés, Mittagessen, Kinderangebote und gemeinsame Veranstaltungen statt. Menschen kamen wieder miteinander ins Gespräch.
Ich habe dort sogar einen Schnitzkurs für sogenannte Flutkinder begleitet. Solche Angebote waren wichtig, damit Menschen wieder etwas Normalität erleben konnten.
Und bis heute gibt es Angebote, die aus dieser Zeit entstanden sind: das Flutcafé, offene Gesprächsmöglichkeiten oder die Fahrradwerkstatt "Flotte Elli".
Welche Bedeutung haben diese Angebote heute noch?
Eine große. Viele kommen gar nicht nur wegen praktischer Hilfe, sondern wegen der Gespräche und der Gemeinschaft.
Die Fahrradwerkstatt ist zum Beispiel für manche Menschen wichtig, die sich keine Reparatur leisten könnten oder kein Auto haben. Gleichzeitig entstehen dort Begegnungen. Man trinkt zusammen Kaffee, kommt ins Gespräch und merkt: Man ist nicht allein.
Für mich ist das gelebte Caritas.
Gibt es Begegnungen aus dieser Zeit, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?
Sehr viele. Einmal kamen vier junge Männer aus Berlin vorbei. Sie fragten einfach: "Habt ihr Arbeit für uns?" Mein Klavier musste aus dem Keller geholt werden - und die vier haben sofort mit angepackt. Danach sind sie weiter an die Ahr gefahren, um dort zu helfen.
Oder eine polnische Haushälterin, die selbst nicht viel hatte. Sie steckte mir 20 Euro in die Tasche und sagte: "Geh mit deiner Frau mal Pizza essen."
Nicht immer das ganz Große bleibt in Erinnerung - sondern die vielen kleinen Gesten.
Hat die Flut Ehrang verändert?
Ja, definitiv. Während des Wiederaufbaus sind die Menschen enger zusammengerückt. Viele Menschen haben erstmals Angebote wahrgenommen oder Gemeinschaft neu erlebt.
Es gibt heute viel mehr soziale Angebote und Begegnungsmöglichkeiten als früher. Das ist etwas Positives, das geblieben ist.
Ehrang ist gewachsen.
Viele Menschen möchten heute nach vorne schauen. Kann man mit der Flut irgendwann abschließen?
Ganz abschließen kann man das nie. Das ist wie Trauer - sie bleibt irgendwo bestehen.
Wir haben unser Haus wieder aufgebaut. Vieles ist neu geworden. Aber Erinnerungen oder persönliche Dinge kommen nicht zurück. Gerade Dinge mit ideellem Wert fehlen bis heute.
Und trotzdem bleibt auch etwas anderes: die Erinnerung daran, wie viel Menschlichkeit und Zusammenhalt es in dieser schweren Zeit gab.
Hilfe, die weiterwirkt
Die Fluthilfe der Caritas Trier begleitet Menschen in Ehrang und anderen betroffenen Orten bis heute. Viele Angebote konnten in den vergangenen Jahren nicht nur praktische Unterstützung leisten, sondern auch Gemeinschaft, Begegnung und neue Perspektiven schaffen.
Ende 2026 wird die Fluthilfe der Caritas Trier als Projekt planmäßig auslaufen. Gleichzeitig entstehen innerhalb der Caritas neue Strukturen rund um das Thema Resilienz und nachhaltige Krisenvorsorge. Ziel ist es, Menschen, Gemeinden und soziale Räume langfristig zu stärken und auch künftig verlässliche Anlaufstellen in Krisenzeiten zu schaffen.